DA WO MACHT EXISTIERT, GIBT ES KEINE FREIHEIT!!
Lenita DA WO MACHT EXISTIERT, GIBT ES KEINE FREIHEIT!!

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Habt keine Angst, ich will euch nichts Böses. Ich bin Pazifistin und schmeisse keine Bomben.

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Das Moderne Orakel


Das Mädchen, dass sich Lydia nannte, betrat heute früh mein Sprechzimmer. Sie hatte etwas an sich, dass mich für einen kurzen Moment erstarren ließ. Vielleicht war es ihre kindliche Reife, Kind zu sein und Frau in Einem. Sie muß meine Gedanken erraten haben, denn sie lächelte kurz, zwängte sich an mir vorbei und steuerte ohne zu zögern auf den Stuhl in meinem Zimmer zu. Sie setzte sich hin, lächelte, obwohl ich lange Zeit kein Wort ergriff, merkte ich schon an ihrem Blick, dass sie angespannt war und dass es ihr schwer viel hier zu sein. Doch dann endlich wie ein Wunder hob sie ihren Kopf, sah mich mit ihren leuchtend grünen Augen an und sprach: „Ich bin Lydia. Ihre neue Patientin“, sie schaute sich um „ sie haben es hier sehr schön“ und schon wieder lächelte sie. Ein unendliches warmes Lächeln. Es gab mir das Gefühl, als solle ich sie beschützen.
Meine Gedanken kamen nun endlich wieder zurück in die Realität. Jetzt lächelte ich sie an. „ Bitte entschuldige, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe.“ Ich hielt ihr meine Hand hin, und sie legte ihre in meine, „ich bin Frau Dr. Graf, aber bitte nenne mich einfach nur Lena.“ Sie nickte mir zu und ich goß ihr etwas Café ein. Wir lehnten uns in die plüschigen Stühle zurück und fingen mit unserem Gespräch an.
„Lydia, ich bin hier um dir einen Pfad zu zeigen, den du gehen kannst, du musst den Weg aber selber gehen, die Tür selber öffnen. Ich möchte dir nur helfen, dich selber zu verstehen, deine Gefühle, deine Reaktionen, dein Ich. Du musst dir aber in der ganzen Zeit selber helfen, indem du mich lässt, dich selbst zu verstehen.“ Ich sah ihr bedrücktes Gesicht, und merkte dass es ihr ganz und gar nicht einfach fiel.
„Das soll dich nicht beängstigen; Lydia, dass soll dir helfen. Helfen wieder glücklich zu sein“. Sie sah mich wie ein kleines Kind an: ein kleines angstverzerrtes Gesicht, dass zu mir aufblickte und in der gleichen Sekunde Muttergefühle in mir erweckte. Doch langsam schien es als wir uns mitten in unserem Gespräch vertieften, dass sich ihre Anspannung löste und sie sich voll und ganz auf unsere Unterhaltung konzentrieren konnte.
„Vor kurzem..“, fing sie ihren Satz an, unterbrach ihn aber im gleichen Atemzug, und sah mich mit einem schmerzvollen Gesicht an. Ich konnte in ihren Augen lesen, dass mehr als nur Angst ihre Seele hinauf kroch. Ich wartete, das ist das beste was man machen kann. Lydia soll einfach reden, wann und wie sie kann.
„Vor kurzem habe ich einen lieben Jungen im Chat kennengelernt, wie auch meinen derzeitigen Freund Thomas vor ungefähr fast 4 Jahren. Meine Beziehung ist seitdem eher freundschaftlich. Natürlich wir küssen uns und so weiter aber es kommt in letzter Zeit nie zum Geschlechtsverkehr. Ich glaube, ich liebe ihn noch, aber ich weiß einfach nicht warum, ich ihn so selten küssen möchte, warum mein Herz so klopft wenn Luca anruft und nicht wenn er am Apparat ist.“ Sie sah mich mit ratsuchenden Augen an, erschöpft, von dem was sie mir gerade gestand.
„Beschreibe mir das Gefühl, dass du für Luca empfindest“, sagte ich statt ihr einen Rat zu geben. Sie war über meine Antwort enttäuscht. Das konnte ich an ihren Augen erkennen. Sie war sehr enttäuscht. Aber sogleich sie auch enttäuscht aufblickte, sogleich strömte ein ungeheuer Fluss neues Leben in ihre Erzählung
„Die Zeit ist viel zu kurz um dieses Gefühl zu beschreiben“, antwortete sie strahlend.
„Es ist gewaltig. Wenn ich in meinem Zimmer sitze und mit ihm nicht telefoniere, werde ich ganz zappelig.(jetzt war sie auch zappelig). Ja, irgendwie wütend, weil er mich nicht anruft. Ich muss so oft an ihn denken. Wenn ich ins Internet gehe, Briefe bekomme, oder das Telefon klingelt, hoffe ich insgeheim, dass er sich dahinter verbirgt.“
Ich beugt mich vor, so dass ich ihn ihre Augen sehen konnte. Ihre Augen waren traurig. Vielleicht sah ich auch eine Träne, die in ihren Augen zu erscheinen schien?
„Ich finde, Lydia, du hast dein Gefühl ausdrucksstark beschrieben. Und jetzt erzähle mir, was du an ihm so bewunderst oder magst“
„Die Sachen, die ich an ihm mag, ist schon die Tatsache, dass er Italiener und Deutscher zugleich ist.“ Sie lächelte mich spitzbübisch an. „ Dass er Fehler im Deutschen macht, mich mit italienischen Kosenamen anspricht.“ Es war als würde sie träumen, sie schaute in den Himmel, lange genug, damit die Sonne sich von den Wolken freikämpfen und ihr kindliches Gesicht berühren konnte. Ja, sie himmelte etwas an. Sie war am Träumen, von etwas, dass sie noch nie besaß. Sie riss ihren Kopf vom Fenster schaute mich lächelnd an, dieses Lächeln, und redete weiter: „Zum Beispiel nennt er mich immer amore“, ich glaube ich sah noch nie solche Augen, die jemals so stark gefunkelt haben. Es war wie als ob ein Stern in ihnen aufleuchtete und im gleichen Atemzug wieder versank. „Manchmal hat er im Deutschen einen winzig kleinen Akzent... Hinzu kommt noch seine männliche Stimme. All dies macht ihn ungeheuer sexy.“ Bei dem Wort „sexy“ erschrak sie innerlich, als ob sie dieses Wort gerade erst in jenem Moment als ihr Vokabular aufnahm. „Und wie er am Telefon lacht. Unglaublich. Er wirkt so groß und so stark. Es ist so als ob er mich beschützen will und ich mich beschützen lasse. Er ist so direkt wenn er spricht. Total das Gegenteil von Thomas eben.“ Denn letzten Satz sagte sie so traurig, mit erniedrigten Kopf. Es brach mir das Herz. So etwas habe ich noch nie erlebt, noch nie habe ich mich mit meinen Patienten so verbunden gefühlt. Sie hat eine gute Seele. Ja, Lydia, das hast du. Alles was ich tat in dem Moment, war sie anzulächeln, sie hob ihren Kopf sah mich an, und erwiderte mein Lächeln. Sie ist ein lächelnder Mensch.
„Noch etwas Kaffee?“ fragte ich nach einer Weile. Sie schüttelte ihren Kopf, ich goß mir aber etwas ein.
„Bist du in ihn verliebt, Lydia?“ es war als ob ich sie aus ihren rosa roten Träumen, aus ihrer heilen Welt gerissen wurde, denn sie sah mich erschrocken an und fragte: „Wen meinen Sie, Lena?“
Ich überlegte, was kann sie so in diesem Moment erschreckt haben? War meine Frage nicht eindeutig genug oder hat sie Angst vor unserem Gespräch?
„Ich meine Luca, Lydia. Bist du in ihn verliebt?“ Sie lehnte sich entspannt zurück, ihr Kopf hingegen lief etwas rot an. Aha, dachte ich, habe ich mir´s doch gedacht.
„Meinen Herzklopfen zu urteilen, immer wenn er wie ein Geist im meinem Kopf umherschwirrt....sogar bewirkt, dass ich Nachrichten von Thomas abweise......gehe ich davon aus, dass ich mich in ihn verliebt habe.“ Sie erklärte mir das so bedacht so zögernd, ich hätte sie am liebsten in den Arm genommen, aber ich sammelte mich schnell wieder.
„Du sagtest vorhin, Luca sei 25. Jahre alt? Meinst du deine Gefühle sind auch davon abhängig, dass er 4 Jahre älter ist als Thomas?“ ich sah sie fragend an.
„Darüber muss ich ersteinmal einen Moment nachdenken“, aber es schien, dass umso länger sie darüber nachdachte, ihr wie Schuppen von den Augen fielen. „Da könnte wirklich was wahres dran sein. Thomas wirkt, obwohl er schon 21. Jahre ist, noch eher kindlich. Das fand ich am Anfang süß, so unschuldig, unverfälscht, na, vielleicht lag es daran, weil ich selber noch zu jung war. Das weiss ich nicht „ sie sah mich entschuldigend an. Ich nickte, und sie fuhr fort:“ Aber jetzt, wo sie es so plötzlich ohne Vorwarnung ansprechen, kommt es mir so vor als gäbe es eine Verbindung. Wissen Sie, manchmal komm ich mir so vor als hätte ich mich geistlich und körperlich weiterentwickelt“ Ich verstand was sie damit meinte, denn das war meine erster Eindruck von ihr gewesen als sie hemmungslos mein Sprechzimmer betrat. „ so denke ich vielleicht, weil Luca eben vier Jahre älter ist, im wirklichen Leben ruhig jünger wirken kann, denn dann wäre er vielleicht so alt wie Thomas jetzt sein sollte, beziehungsweise wäre.... Verstehen Sie, was ich meine?“
Ich sah sie lange an. Ich beobachte ihre Hand wie sie mit ihrem Haar spielte. Sie ist angespannt, aufgeregt, sie verbirgt etwas vor sich selbst.
Um sie etwas zu beruhigen lächelte ich, eine Geste, die sie verstand.
„ Ja, Lydia, ich glaube ich verstehe, was du meinst. Dann ist also das Alter von Thomas okay, würdest dir aber wünschen, er würde sich seinem Alter entsprechend verhalten?“
Lydia sah mich erstaunt an, erstaunt darüber, dass ich sie verstand. Sie nickte.
„Dann habe ich gleich noch eine Frage, die darauf aufbaut: Wie benimmt sich den deiner Meinung ein 21.jähriger?“
„Das ist schwierig, jedenfalls nicht so wie Thomas.“
„Beschreibe mir wie er sich verhält.“
„Okay, am Anfang fand ich ja das alles noch süß, aber jetzt geht er mir auf den Docht.“ Ich musste bei ihren Ausdruck schmunzeln, sie bemerkte das aber nicht.
„Zum einen fragt er mich, ob ich sauer auf ihn bin. Als ob, meine schlechte Laune immer etwas mit ihm zu tun hat! Obwohl ich ihm dann sage Schatz, ich bin nicht sauer auf dich, hört er das zwar, aber ich habe das Gefühl, als registriere er das nicht. Hört mir nicht zu. Nimmt mich als Person mit meinen eigenen Empfindungen nicht ernst. Das nächste Mal fragt er mich wieder, dann werde ich vielleicht gereizt und sage, weil ich eben so (in dem Moment wedelte sie mit der Hand um ihren Frust auszudrücken) gereizt, verärgert, angekotzt bin von seiner Nerverei, dass ich böse auf ihn bin. Dann antwortet er darauf mit einen typischen hähähäm (beim Anblick ihrer Imitation musste ich lachen. Sie sah mich erstaunt an und lachte herzlich, als lachte sie den ganzen Frust, alles was sie bedrückt aus ihrer Seele. Mein Bauch tat weh so sehr lachte ich! Sie sollte Schauspielerin werde, dachte ich bei mir selbst.) Langsam fingen wir uns, und sie erzählte weiter, diesmal heiterer, glücklicher, befreiter. Langsam brachte unser Gespräch etwas. Ich lächelte in mich hinein.
„Ist wohl besser, sagte er dann, wenn ich jetzt auflegte. Und ich sagte nur, ja ist wohl besser! Und knallte den Hörer mit solcher kochenden, aufsteigenden Wut auf den Receiver.“
„Aber ihr seid noch zusammen?“
„Ja, immer noch“
„Wieso immer noch?“ Sie wendete ihren Blick von mir ab, legte ihre Hände auf ihren Schoss, nahm wieder die Schutzposition ein, und antwortete klar, immer noch mit ihrem Blick auf die Hände gerichtet: “Darüber möchte ich jetzt nicht reden“ Sie sagte das mit solch einer Entschlossenheit, ich war überwältigt. Alles was ich konnte, war ihr verständnisvoll zu zunicken.
„Also, wir sind bei der Frage stehen geblieben, wie Thomas sich verhält. Du meintest, er frage dich ständig, ob du ihm böse bist. Weißt du, ob er auch bei anderen so reagiert? Warte, vor dieser Frage möchte ich noch gerne klären, woher die Wut kam.“ Sie sah mich ungläubig an, als verstehe sich nicht. „Ich meine die kochende, aufsteigende Wut, die du empfandest als du den Hörer aufgeknallt hast.“
Sie verstand jetzt was ich meinte.
„Ich weiss es nicht so genau. Abgesehen davon, dass mich das ständige-böse-Frage-Phenomena nervt, denke ich auch, dass die Haltung, die er einnahm total kindisch war.“
„Dann sind wir jetzt also auf dem Punkt. Er handelt zu kindisch, vielleicht auch zu unerfahren?“
„Ja, das glaube ich.“
„Aber wie soll er erfahren reagieren, wenn du seine erste Freundin bist?“ Sie sah mich nachdenklich an.
„Hm. Das ist eine gute Frage. Aber ich denke niemand würde so kindisch reagieren und sagen, ist wohl besser, wenn ich auflege oder?“
„Da hast du Recht. Vielleicht wenige, ja. Vielleicht hat er Angst, dich zu verlieren?
„Oh Gott, das auch ja. Er sagt das ständig!“
„Okay gut, das muss ich mir jetzt aufschreiben. Sonst vergesse ich das..“ ich nahm einen Block und ein Bleistift in die Hand und schrieb unter der Rubrik Thomas Angst hin. Dann nahm ich wieder ihren Blickkontakt auf.
„Also, könnte es sein, dass deine Wut auf ihn vielleicht davon nährt, dass du erstens total genervt bist und zweitens empört über seine Reaktion?“ Lydia, meine Lydia, sah mich lange an. Streckte ihren Kopf und antwortete sehr leise, so dass ich Probleme hatte sie zu verstehen: „Jaa... außerdem wenn man sich liebt...dass ist doch keine Liebe, oder?“ Ich sah wie Tränen in ihre Augen stießen, sie weint. Doch in der gleichen Sekunde wo ich sie so gern an der Schulter gestreichelt hätte, wischte sie ihre Tränen mit einer schnellen Handbewegung von ihren Wangen. Wie ein kleines Kind, welches Scham vor einer Sache empfindet, die eigentlich so normal ist. Ich dachte, es ist wohl besser auf ihre Frage nicht zu reagieren, deshalb schob ich meinen Stuhl näher an sie heran, holte eine Schüssel mit Gummibärchen und hielt sie zu ihr hin. Wie ein kleines Kind nahm sie gierig und schüchtern eins, bedankte sich mit einem nassen und flüchtigen Lächeln. Ich entschied mich, mich neben sie zu setzten.
„Lydia, möchtest du dich etwas ausruhen?“
„ Nein,“ sie sagte das so entschlossen wie vorhin, „ich möchte gern noch etwas länger bei hier bleiben.“
Ich freute mich so sehr über ihre Reaktionen, sie rennt nicht vor der Wahrheit, Klarheit weg, sondern sie konfrontiert ihre Gefühle, Gedanken...
„Vorhin habe ich dir doch die Frage gestellt, ob er sich anderen gegenüber genauso verhält wie dir. Erinnerst du dich?“
„Ja, ich weiss, von welcher Frage sie sprechen. Jedenfalls habe ich das einmal mitbekommen. Als er mit seiner Mutter telefoniert hat. Er fragte sie ständig, ob sie böse auf ihn sei, weil sie anscheinend so bedrückt am Telefon geklungen hat. Aber ich habe noch niemanden außer mich erlebt, der am Ende so ausgeflippt ist.
Ach, übrigens, manchmal weiß ich dann ganz genau wann er fragen würde, :trennst du dich jetzt von mir?.“
„Er hat Angst. Nur wovor? Das werden wir schon noch ergründen. Aber jetzt ersteinmal zurück mit dem Telefonieren. Ich verstehe total, dass das nervend ist. Aber ist dir auch schon mal bewußt geworden, dass irgendwo ein Problem liegen könnte? Sonst würde er dich doch nicht ständig fragen. Weißt du was von seiner Kindheit?“
„Wieso Kindheit?“ Lydia blickte mich verständnislos an. Ich sah in ihre Augen und erklärte ihr:“ Mistens ist etwas in der Kindheit passiert, woran man sich vielleicht nur puzzelhaft erinnern kann, aber sein weiters Leben in einer bestimmten Art und Weise sehr prägt.“
„Sie meinen, es gäbe eventuell einen Grund, welcher in der Kindheit liegt, der seine Art und vielleicht Angst erklären könnte?“ Sie sah mich erstaunt an.
„Ja, genau das meine ich.“
„Ich bin jetzt etwas perplex, denn so tiefgründig habe ich darüber noch nie nachgedacht. Deswegen schaue ich jetzt auch etwas erstaunt und verwundert aus. Aber eine Sache fehlt mir jetzt schon ein, ich weiss aber nicht ob das so wichtig ist. Aber wenn es stimmt, was sie da andeuten, dann tut er mir so leid“ Ich nickte.
„Warum tut er dir dann so leid, Lydia?“
„Ich weiss nicht, ich könnte weinen...“ Das ist wirklich komisch. Warum tut er ihr leid, wenn etwas in seiner Kindheit passiert ist, was das alles erklären könnte? Vielleicht, weil sie denkt, sie hätte das erahnen müssen, und demnach am Telefon anders reagieren sollen? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen...
Durch ein zartes zögerndes Klopfen an der Tür, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Anscheinend auch Lydia, denn sie zuckte zusammen.
„Okay, lassen wir es ersteinmal an diesem Punkt. Leider ist unsere Zeit bald abgelaufen (ich lächelte sie entschuldigend an), dass erklärt das Klopfen an der Tür. Aber bevor wir uns morgen wiedersehen muss ich unbedingt noch etwas loswerden“
Sie sagte nichts, saß nur still da.
„Also, erzähl doch mal, was dir vorhin eingefallen ist, was womöglich etwas mit ihm zu tun haben könnte...“
Sie räusperte sich, stützte sich mit ihren Armen auf und drehte sich nach links um in meine Augen zu schauen: „Er hat zwei ältere Schwestern, besonders die Jüngere von beiden hat ihn immer sehr gepiesackt. Aber vielleicht ist das auch normal in diesem Alter.“
„Was hat sie denn immer so gemacht?“
„Zum Beispiel einmal hat sie ihm ein Stück Kot am Finger als Schokolade angedreht. Er hat´s natürlich gegessen“ Ich musste kichern, Lydia blieb sehr ernst.
Ich dachte nach.
„Ehrlich gesagt, wüßte ich nicht, was die Erfahrung mit dem Grund für sein heutiges merkwürdiges Handeln sein könnte. Wenn´s da aber eine Relation gibt, werden wir es bestimmt bald herausfinden.“
Lydia sah mich ganz komisch an. Als ob ihr meine Antwort nicht genug war. „ Aber diese Erfahrung basiert doch darauf, dass sein Vertrauen, welches er für seine Schwester in diesem Moment empfand, eindeutig gebrochen wurde, oder stärker ausgedrückt: missbraucht wurde.“ Diesmal sah ich sie erstaunt an. Sie fuhr fort: „Wäre das nicht möglich? Also könnte man vielleicht in Betracht ziehen, dass er mir deshalb nicht vertraut? Oder Vertrauen, welches in seiner Kindheit damals gebrochen wurde, für ihn ein schwerer Schritt ist?“ Sie verstummte für einen Moment, ich beobachtete sie. Sie fuhr fort, aber fast so leise wie vorhin“ also unmöglich.“ Sie lächelte traurig.
Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte, einerseits war ich total erstaunt, wie sehr sie sich mit ihren Gefühlen und denen der Mitmenschen auseinandersetzt, einerseits bemitleidete ich sie. Es muss alles so schwer sein, darüber zu reden.
„Ich glaube du hast eine Verbindung zwischen seiner Kindheit und sein heutiges Leben beeindruckend erfasst. Du hattest gerade eben Vertrauen angesprochen. Das fand ich sehr interessant. Gibt es denn Augenblicke in euerem leben, wo du weißt, er vertraut dir nicht, es dir aber heilig schwört?“
„Ja, da gibt es sehr viele .“sagte sie sehr traurig.
„Also, könntest du Recht haben mit deiner Theorie, Lydia. Wir haben so eben die Rollen getauscht.“ ich zwinkerte ihr zu, sie lächelte, sah schon viel besser aus. Ich freute mich.
„Gib mir doch ein Beispiel“
„Spontan fällt mir eigentlich nur die Adriareise mit meiner damaligen Klasse ein. Er sagte, er vertraue mir, ich würde keinen anderen finden, aber insgeheim wusste ich, dass er es nur so gesagt hat.“
„Wieso würde er soetwas nur so sagen?“
„Weil er weiss wie wichtig mir vertrauen ist.“ Ich war erschrocken von ihrer Schnelligkeit, aber ihre Antwort schien mir logisch. Sogar sehr logisch.
„Also, Lydia, wie macht sich denn sein-nicht vertrauen bemerkbar?“
„Ohje“ sie holte tief Luft, es schien mir, als hätte sie darüber viel zu erzählen, „Er ruft mich ständig an, küsst mich ständig, konzentriert sich nur auf mich....“
Das kam mir komisch vor. Ist das nicht normal?
„Aber könnte das nicht auch das normale verliebt sein sein? Immerhin möchtest du am Liebsten die ganze Zeit mit Luca reden.“
„Nein, dass denke ich nicht. Ich denke viel mehr, dass er dadurch versucht, die Kontrolle über mich zu behalten..“ Ihr Gesichtsausdruck gab mir zu verstehen, dass sie sauer und etwas beleidigt war. Ich hatte sie tatsächlich auf eine Art und Weise mit Thomas verglichen. Das hätte ich nicht machen sollen. Ich holte tief Luft, und kehrte zu meiner Arbeit zurück.
„Das ist wirklich hart, was du da sagst...Er habe also Angst die Kontrolle über dich zu verlieren, wenn du weg fährst? Deswegen versucht er dich dann auch nicht aus den Augen zu lassen?“
„Ja das denke ich.“
„Das findest du auch nicht süß?“
Sie sah mich frech an.
„Nein“, sagte sie empört, „das finde ich einengend, nervend, aber besonders freiheitsberaubend!“ Ich schnappte nach Luft, noch kein Patient ist dermaßen laut geworden. Habe ich einen wunden Punkt getroffen? Aber wieso rastet sie so aus, wenn ich sie frage, ob sie das nicht süß findet? Da kam mir eine Idee: hat sie jemals mit Thomas darüber geredet? Wenn ja, hat er es bestimmt nicht registriert, wie sie sagte, deshalb ist sie so sauer, weil sie denkt ich nehme sie nicht ernst. Im Endeffekt ist Registrieren gleich Ernst nehmen, oder?
„Lydia, bitte beruhige dich. Ich wollte dich nicht provozieren, ich will dir nur helfen.“sie reagierte nicht.
„Hast du jemals das Thema mit Thomas angesprochen?“
Sie nickte. „Und?“
Ich glaube ich verstand. „Er hat´s zwar gehört, aber nicht ernst genommen?“ Sie nickte abermals. „Das tut mir leid Lydia“ ich war mit meiner Theorie richtig.
Sie zuckte mit den Achseln.
„Ich habe noch eine letzt Frage an dich Lydia, dann laß ich dich in Ruhe“ ich lächelte, sie erwiderte mein Lächeln nicht, irgendetwas hat sich in ihren Verhalten verändert.
„Kann es sein, dass dir deshalb der Schritt zu deiner Mutter nach Västeras einfacher fiel, weil du sozusagen seiner Kontrolle entrinnen möchtest, die dich ja, wie du es mehrfach betont hast, einengt?“
Lydia antwortete nicht für 5 Minuten, ich saß nur da und beobachtet sie. In diesem Moment kam sie mir unglaublich erwachsen vor. Ich weiss nicht woran das lag, wahrscheinlich an ihrer Entschlossenheit, ja sie hatte Selbstbewußtsein. Selbstbewusstsein so dazu sitzen, ein Bein auf dem Anderen, und einfach nicht zu antworten.
„Wenn du möchtest kannst du darüber nachdenken, Wir sehen uns ja morgen wieder.“ Sie nickte stand mit einen Schwung auf, und bewegte sich zur Tür. Es kam mir so vor als zögerte sie, als wolle sie mir noch etwas zum Schluss sagen, statt dessen sagte ich nichts, sondern ließ sie gehen. Es war ein komischer Augenblick, ich weiss bis heute nicht, was in ihr da vor sich ging.


Ich habe heute noch eine Weile über sie nachgedacht. Ich konnte kaum einschlafen. Was war das, was am Ende sie verstummen ließ?
Manchmal kommt es mir so vor, als würde sie alles haben wollen. Ich muss ihr klar machen, dass man im Leben nicht alles haben kann. Man muss auch Abstriche machen können, um glücklich zu werden. Man kann aber nie makellos glücklich sein. Es werden immer Steine auf dem Herz liegen. Es wird für uns beide eine lange Reise werden, am Ende wird sie es hoffentlich verstehen. Wie gesagt, die Tür muss sie selber betreten. Nur ihr obliegt es.


Als ich den nächsten Morgen auf Arbeit ging, war Lydia schon da. Sie wartete geduldig vor dem Gebäude. Mit einem Pappbecher voll Kaffee in der Hand stand sie da und beobachtete die Tauben, die sich um ein Stück Brot stritten. Ich sah sie zuerst. Als sie mich kommen sah, kam sie auf mich zu, und entschuldigte sich, dass sie schon so früh da sei. Mir machte es nichts aus, im Gegenteil, ich freute mich sie hier anzutreffen, war sie doch den Tag zuvor so abrupt aufgebrochen. Sie sah besser aus, auf jeden Fall erholter. Es tat gut, sie so zu sehen. Als wir mein Sprechzimmer betraten, legte ich meine Tasche auf meinen Tisch, schob zwei Stühle um ihn herum, und wir setzten uns. Unmittelbar danach fingen wir mit unserer Sprechstunde an.
„Ich habe noch mal über die Sache mit dem Vertrauen nachgedacht...“, begann Lydia.
„Ja?“ sagte ich erstaunt, da sie bereit war so schnell unser Gespräch fortzusetzen.
„Ja, und zwar... ich habe gestern mit Thomas telefoniert“, sie holte tief Luft, „ich habe ihn ein bisschen über seine Kindheit ausgefragt.“ Sie blickte auf, sah direkt in meine Augen und erzählte weiter:“ ich bin mir ziemlich sicher, dass sein Vertrauen mehrmals gebrochen wurde. Er hat mir noch von anderen Vorfällen erzählt, wo er definitiv enttäuscht wurde. Und dann habe ich noch eine Idee, warum er so viel Angst haben könnte.“ Ich wusste gar nicht was ich sagen sollte. Ich sah sie nur an, sie redete weiter.
„ Er hat vor so vielen Sachen Angst, nicht nur vor der Sache mich zu verlieren..“ Lydia blickte aus dem Fenster, als suche sie eine Antwort. Ihr Kopf immer noch zum Fenster gerichtet, erzählte sie weiter:“ Als er noch klein war, war er umgeben von Großeltern, die alle möglichen Krankheiten hatten. So hatte er zum Beispiel immer Angst Wasser in die Lunge zu bekommen, wenn er baden war. Er hatte vor Glas Angst, denn er hatte sich einmal total doll in den Arm geschnitten, und musste dann in das Krankenhaus...ganz zu schweigen von der Tatsache, dass er Angst hat zu verbluten, wenn seine Nase anfing zu bluten...“ Sie schwieg, dann richtete sie ihren Blick auf mich. „ Meinen Sie Lena, diese Erfahrungen könnten etwas mit seiner heutigen Angst zu tun haben?“
Ich war sprachlos. Was soll ich darauf antworten? Dieses Mädchen macht sich viel mehr Gedanken um ihren Freund, als um ihr eigenes Glück. Wir reden eher über Thomas und seine Vergangenheit, als über sie. Sie ist hier und nicht er. Sie sollte über sich reden, und nicht versuchen Thomas zu beschützen. Ja, sie beschütze ihn, wie die Mutter ihren Sprößling. Ich kann mir vorstellen, dass sie bereit wäre ihr eigenes Glück für das für Thomas zu opfern. Aber das ist doch nicht wahr! Es ist ihr Leben, ihr Glück, ihre Liebe. Lydia muss verstehen, dass sich in ihrem Leben alles um sich dreht und nicht um Thomas. Klar Thomas ist ein Teil, aber nicht alles. Was ist mir ihrem Glück? Mit ihren Gefühlen zu Luca? Was will sie? Das ist nicht so wichtig, wie die Tatsache Thomas zu helfen. Sie ist schlau, sie erkennt, dass er ihr niemals zu hören würde, deshalb ist sie hier. Um ihm mein Protokoll zu geben. Damit er versteht. Endlich versteht, wie es um ihn steht. Was Lydia von ihm denkt. Dass sie ihm helfen will.
Lydia sah mich immer noch mit ihren traurigen ratsuchenden Augen an. Sie wandte den Blick nicht von mir. Aber was soll ich ihr denn sagen? Ich weiss es nicht.
„Lydia, das was du mir gerade geschildert hast, hört sich wirklich so an, als ob er eventuell traumatisiert wurde.“, sagte ich statt dessen.
„Weißt du, ich kann kein völliges Urteil fällen, weil ich nicht weiss, ob ich auf seine Erfahrungen bauen kann...“
„Denken sie etwa, er lügt?“ fragt Lydia empört.
„Nein, um Gottes Willen, das denke ich nicht Lydia. Ich weiss nur nicht inwieweit er sich daran erinnert.“ Sie wurde etwas unruhig, ich versuchte sie zu besänftigen“ aber eins kann ich dir noch sagen Lydia. Es scheint mir auf jeden Fall, dass die früheren Erfahrungen sein heutiges Handeln prägen. So hat er vielleicht heute keine Angst mehr Wasser in die Lunge zu bekommen, weil er älter ist, aber immer noch Angst vorm Verbluten. Oder dich zu verlieren. Oder auch unbewußt dir zu vertrauen...Lydia, leider kann ich keine Ferndiagnose stellen, denn du bist hier und nicht er.“ Sagte ich mit einem besorgten Blick.
„Ich weiss....“, sagte sie leise.
„Ich kann verstehen, dass du ihm helfen möchtest, Lydia.“ Sie sah mich an.“ Er kann sich aber nur selber helfen, weißt du? Er kann sich nur helfen lassen, wenn er selber will. Das heißt, er sollte auch zum Psychologen gehen, so wie du jetzt. Aber so lange er nicht weiss, wieso er gehen sollte, geht er nicht. Verstehst du?“ Sie nickte. „Alles was du machen kannst, Lydia, ist ihn davon zu überzeugen, dass er gehen sollte. Nicht weil es besser für Euch ist, sondern für ihn. Er muss zuerst sein Leben geregelt bekommen, dann kann man auch über euer gemeinsames Leben reden. Ich sehe doch, dass du unglücklich bist Lydia. Ich bin hier damit du dir helfen kannst. In erster Linie sollst du dir helfen, und du nicht über mich Thomas...“ Wir starrten uns eine Weile an, ich glaube sie hat meine Nachricht verstanden.
„Lena...aber wie soll ich das alles machen, ihm sagen, dass er zum Psychologen gehen soll....dass er sich mehr um sich selbst kümmern soll...? wenn dann etwas passiert mit ihm, weil er bestimmt denkt, ich will mich von ihm trennen oder so...sagen Sie mir, was soll ich machen? Das kann ich nicht...“ offenbarte mir Lydia unter Tränen.
„Sage mir Lydia, wieso solltest du das nicht können? Was steht dir da im Weg?“ fragte ich und legte meinen Arm auf ihre Schulter.
„Was mir im Weg steht?... ich weiss es nicht...das ist nur so ein Gefühl..“
„Erzähl mir von deinem Gefühl, Lydia“ Ich setzt mich neben sie und sah ihr tief in die Augen.
„ ich weiss nicht...“, stammelte sie, ich wusste, dass ihr das schwer fällt, aber sie war stark,“ wenn ich ihm das sage alles, dann nimmt er es doch sowieso nicht wahr. Es ist als ob ich gegen eine Mauer spreche...die antwortet zwar nicht, Thomas schon, aber der Effekt ist der Selbe: beide haben mich nicht tiefer verstanden...zum Beispiel gestern, ich habe ihm geraten er so schnellsten zu Einem gehen, so auch mein Vater, aber was sagt er? Er sagt, ersteinmal abwarten, wenn´s mit dem Job geklappt hat, dann brauch ich´s ja nicht mehr. Als ob das nur wegen seinen Job-Scheiße wäre!“
„Was meinst du mit Job-scheiße, Lydia?“ fragte ich ein bisschen durcheinander.
„Naja, er hat Probleme irgendetwas zu Ende zu machen...er musste zwei mal die 12. Klasse wiederholen, und hat es nicht geschafft...ist mehrmals im Zivildienst von Stelle zu Stelle gehopst...und jetzt hat ihn seine Ausbildungsstelle gekündigt, aber diesmal war´s auf jeden Fall nicht seine Schuld...wegen Insolvenz und so...verstehen Sie, ich kann mich etwas unklar ausgedrückt haben.“
„Das habe ich verstanden, Lydia. Also, um das jetzt zusammen zufassen, wenn du ihm nahelegen würdest, dass er einen Psychologen aufsuchen würde, ist es genauso als ob du zu einer Mauer sprechen würdest. Er würde dich vielleicht ernst nehmen, aber denken, dass es nicht wichtig ist. Er merkt dann auch gar nicht, wieviel es für dich bedeutet, dass er alles in die Reihe bekommt...Das ist wirklich ein Problem. Sag, hab ich das jetzt okay zusammengefasst?“
„Ja, ich glaube schon. Aber vielleicht sollte ich auch noch hinzufügen, dass er gar nicht erkennt, wie es um ihn steht. Egal was ich da sage. Sie meinten ja auch vorhin, dass er das selber erkennen muss, erst dann weiss er, warum er einen Psychologen aufsuchen sollte. Aber wie lasse ich ihn seine Probleme erkennen? Wie merkt er, dass er viel größere Probleme hat als nur das Versagen mit den Jobs?“
„ Lydia, bis wir diesen Punkt ansprechen, habe ich noch eine Frage an dich. Weswegen denkst du sollte er zum Psychologen gehen?“ Sie brauchte gar nicht weiter nach zu denken, sie antwortete blitzschnell: „Er muss hingegen, weil er endlich seine Ängste konfrontieren muss. Er muss lernen zu vertrauen, mit seinen Ängsten umzugehen. Erlernen, was er im Leben falsch macht. Sich in seinem Leben in den Mittelpunkt stellen, sein Glück finden, seine Liebe. Sein Leben regeln, wissen was er in den diversen Einstellungstesten falsch gemacht, dass nicht nur wissen sondern registrieren, so auch mit seinem verpatzten Abi. Er muss seinen Charakter in manchen Punkten völlig umstellen, neu entdeckten, das Leben mehr genießen. Und vor allem, sich nicht zu sehr auf eine Person konzentrieren...“Dies sagte sie wieder mit einer bedrückten Stimme. „ manchmal denke ich, dass er sich so sehr auf mich konzentriert, um von seinen eigentlichen Problemen abzulenken. Damit er nicht über sich nicht nachzudenken braucht...“ Ich war erstaunt. Noch nie kannte ich solch ein junges Mädchen, was so viel über sich und ihre Umwelt nachdachte...
„Es ist interessant, was du da sagst, Lydia.“ Sie sah mich an und lächelte. Sie lächelte. Sie lächelt, obwohl sie unglücklich ist, ein wunderbarer Moment.
„Du denkst also, dass Thomas sich unbewusst so sehr auf dich konzentriert nur damit er sich keine Gedanken um sein eigenes Leben zu machen braucht?“
„Ja, das denke ich. Manchmal denke ich, dass er gar nicht weiss, dass er auch ein eigenes Leben hat, so wie ich, so wie alle Menschen auf der Welt. So hart es klingt, aber jeder Lebenspartner ist nur ein Teil in dem Leben eines anderen. Egal wie doll man ihn liebt, er oder sie ist niemals das Leben. Darf niemals das Leben sein. Wenn der Lebensgefährte das Leben wäre, dann hätte man keine Zeit zur Arbeit zu gehen, keine Zeit für sich und Freunde.. er muss begreifen, dass es noch eine Umwelt gibt! Das ich nur ein Teil in seinem Leben bin und nicht alles.“
„Lydia, er muss also begreifen, was Liebe bedeutet. Meinst du ich kann das so ausdrücken?“ Ich sah sie fragend an. Sie nickte.
„Was ist Liebe für dich Lydia?“
„Liebe?“, fragte sie mich erstaunt. Ich nickte ihr zu, gab ihr Zeit ihre Gedanken zu sammeln. Ja, was ist Liebe? Liebe ist für jeden Menschen etwas anderes. Am wichtigsten aber jetzt, was bedeutet Liebe für Lydia. Was denkt sie bedeutet Liebe für Thomas?
„Die Frage kommt so überraschend...Aber wenn ich darüber nachdenke... ich weiss es nicht, Lena.“ Ich erschrak, sie weiss es nicht?
„Lydia, warum weißt du nicht, was für dich Liebe ist?“
„Weil ich es satt habe darüber nachzudenken...“ sagte sie bestimmt und nahm ein Schluck Kaffee aus ihrem Pappbecher. Ihr Kaffee ist aus Starbacks. Ich musste schmunzeln, früher besuchte ich gewöhnlich das Café, aber jetzt nicht mehr.
„Wieso?“ Ich hatte angst Tränen würden ihr aus den Augen kullern, deswegen setzte ich mich neben sie und nahm sie in den Arm. Sie begann zu weinen, ihre Tränen kullerten aus ihren Augen, hinab zum Kinn und schließlich fingen sie mein Pullover auf. Ich hatte das Gefühl als gehöre Lydia zu mir. Ja, meine kleine Lydia. Ich hatte nie Kinder. Aber in diesem Augenblick, wo ich Lydia wie ein Baby im Arm hielt und beruhigte, wünschte ich hätte eins. So eins wie Lydia...
Lydia beruhigte sich langsam. Ihr war ihr Tränenausbruch peinlich, dass konnte ich an der Verfärbung ihrer Wangen erkennen. Ich fand das nur einfach natürlich, Vertrauenerweckend mir gegenüber.
„Als ich noch kleiner war, hatte ich immer diese Vorstellungen...diese Träume wir mein Traumfreund auszusehen sollte...“ sie verstummte, stützte ihren Kopf mit ihren Hände, schluchzte etwas und sah mich von der Seite an. Ich tat nichts. Sie soll reden. Reden wann sie will. Ich lächelte nur. Lächelte und bat sie insgeheim weiter zu reden.
„Er sollte immer blonde Haare haben und blaue Augen..“ sie lachte, welche Absurdität, gerade eben hatte sie noch geweint und jetzt lacht sie schon wieder. Ich lächelte immer noch.
„Später dann, sollte er braune Haare haben und blaue...meerblaue Augen haben wie Thomas...“ jetzt lächelte sie.
„Man hat immer ein Bild vor den Augen. Wie jemand auszusehen hat um vollkommen glücklich zu sein. Ich merke, dass bei mir jetzt immer noch...Aber das ist falsch. Ich mag nicht oberflächlich sein...ich verabscheue solche Menschen...“ Ich war etwas durcheinander, denn ich wusste, nicht was ihr Geständnis mit meiner Frage zu tun hatte. Aber es schien als merkte sie das.
„Warum ich das ihnen hier alles erzähle mit dem Bild eines Traumfreundes und so...denke ich, egal wie schön Träume, Traumvorstellungen von Männern sein können, sie gar nicht der Realität entsprechen. Entweder einer sieht toll aus, hat dann aber ein Macke in der Sache, die man an einem Menschen schätzt... ich will überhaupt gar nicht sagen, dass Thomas hässlich aussieht oder so. Ich weiss nur nicht im Moment nicht, was ich denken soll...Ich meine betreffend ihrer Frage.. Ich meine, kann es sein, dass wenn man solch eine Frage stellt, und sie beantworten will, vielleicht nur einer Traumvorstellung nachjagt, fern von Realität?“ Ich war für eine Zeit überrascht, überwältigt von ihrer Philosophie.
„Lydia, ich...jetzt weiss ich gar nicht, was ich darauf antworten soll. Du musst mir helfen das zu verstehen. Du behauptest also, das man Liebe nicht definieren kann, weil man dann womöglich nach einer Traumvorstellung greift, statt sie realitätsgetreu zu definieren?“ Ich war verwundert, wie einfach sich das in meinen Worten anhörte.
Lydia schwankte ihren Kopf. „Ja, irgendwie schon. Das ist doch so ähnlich, als wolle man seinen Traumfreund beschreiben, oder?“ Ich starrte sie an. „Na ich meine, man jagt viel mehr seinen Träumen hinterher, als in die Realität zu blicken.“ Jetzt war ich irritiert. „Bitte gebe mir doch ein Beispiel.“
„Okay, also passen Sie auf (ich konzentrierte mich wirklich in diesem Moment sehr stark). Sagen wir zum Beispiel, ihr Traumfreund soll ehrlich, gutaussehend, auf jeden Fall blaue Augen, vielleicht noch einen braunen Körper haben, aus Schweden stammen...und dann soll er noch etwas in der Birne haben...“ Ich glaube ich fing an sie zu verstehen. „In Wahrheit, wie viele Männer auf welche diese Beschreibung zu trifft, gibt es? Keinen, denn man wird immer etwas finden, was einem nicht gefällt, und somit passt dieser noch so winzige Fehler nicht in die Traumvorstellung.“
„Aber was hat dies mit der Liebe zu tun, dieses Beispiel?“
„Nah, dass man Liebe immer nach einer Traumvorstellung definiert. Man bleibt nicht realistisch.“
Ich musste ersteinmal nachdenken. Hatte sie recht, ist Liebe eine Traumvorstellung? Was ist für euch, euch lesenden, Liebe? Wenn ihr es wisst, ähnelt sie dann auch mehr einer Traumvorstellung als der Realität?
„Dann frage ich dich jetzt Lydia, was ist für dich Liebe in deinen Träumen?“ Ich sah ihre Augen funkeln, funkeln wie kleine Sternschnuppen am schwarzen Himmel.
„Liebe ist in meinen Träumen, wenn man dieses Herzbummern spürt...diese Schmetterlinge im Bauch...immer nur an Ihn denken muss. Jede Minute mit ihm zusammen sein will. Ihn überall sieht, egal wo er ist.“ Sie sagte das so selbstverständlich, dass es mir beinah so vorkam, als wäre Thomas nach ihrer Auffassung, wohl bemerkt Traumvorstellung, in sie verliebt. Aber der Gedanke von mir verschwand schnell, denn das war noch nicht alles, was sie zu sagen hatte: „aber nur solange man den anderen nicht einengt...“ es war als hätte sie meine Gedanken gelesen. Dann frage ich mich, vielleicht, weiss Thomas nicht, dass er eher für sie in manchen Situationen lästig als angenehm ist? Aber sie antwortet bevor ich meinen Gedanken zu Ende fassen konnte: „Na klar, hätte Thomas mir zugehört, und das registriert"“ sie betont registriert übertrieben stark,“ dann wäre seine Liebe, die er mir schenkt angenehm, nicht lästig...vielleicht wäre ich dann noch...“ ihr Atem stockte. Was wollte sie mir sagen? Ich sah sie an und fragte sie: “In dem Moment trifft deine Traumvorstellung auf Luca zu, oder?“ Sie brauchte nicht zu reagieren, ich wusste ihre Antwort.
„Lydia, was empfindest du für Thomas?“ Ich bemerkte wie Lydias Gesicht ihren Ausdruck verlor. Sie wurde blaß, bleich, so bleich wie ein Stück Kreide. Sie senkte ihren Blick holte tief Luft und sagte: „Ich...“ sie biss sich auf ihre Unterlippe „ ich weiss es nicht...“
Kurz darauf ging sie. Wir sind am Kern ihres Problemes angekommen. Sie war nicht hier, weil sie sich neu verliebt hat, nein sie war hier, weil sie nicht weiss was sie für Thomas empfindet. Das wäre eigentlich einfach. Sie könnte sich einfach von Thomas trennen und glücklich mit Luca werden. Aber das kann sie nicht. Sie denkt, sie muss Thomas etwas erklären. Ihm sagen warum. Sie muss ihre Gefühle klären, erst dann kann sie glücklich sein. Sie, stellt sich selbst in den Hintergrund, Thomas an erster Stelle. Das ist nicht gut, nein, dass mehr als nur nicht gut, das ist furchtbar.

In der Nacht wurde ich von einem schrillen Geräusch geweckt. Ich brauchte erst ein paar Sekunden um zu realisieren, dass das h mein Telefon war. Ich sah flüchtig auf die Uhr, es war halb fünf morgens, gähnend und etwas mufflig nahm ich den Hörer ab und hallte ein „Hallo“ in die Leitung.
Lydia war am Telefon. Sie fragte, ob sie jetzt vorbei kommen könne, ich hatte nichts dagegen und lud sie zu mir ein. Als das Wasser für den Tee kochte, klingelte es. Noch etwas wackelig auf den Beinen schritt ich zur Tür und öffnete sie. Lydia stand mit einem verquollenem Gesicht vor mir.

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